Hintergrundinformation Sudan

Stand: Januar 2000
 

Der Sudan: Ein nicht zu regierendes Land?

Bona Malwal, Chefredakteur der englischsprachigen Sudan Times, veröffentlichte zwei Jahre nach der Absetzung der demokratisch legitimierten Regierung al-Mahdi (1986 - 1989) durch die Militärregierung al-Bashir einen Aufsatz, den er mit dem resignierenden Satz begann: "Gegenwärtig trifft die Feststellung, der Sudan sei Afrikas unregierbares Land, mehr denn je zu." (in Bleuchot/Delmet/Hopwood (Hrsg.), Sudan. History, Identity, Ideology, Oxford 1991, Seite 203). Leider muß diese Einschätzung auch sieben Jahre nach dem Erscheinen dieses Aufsatzes immer noch geteilt werden (die folgenden Angaben stammen aus dem Zeit-Artikel vom 3. September 1998):

  • Der Bürgerkrieg konnte unter al-Bashir nicht beendet werden. Die Kämpfe gehen auch im Jahre 1998 unbeirrt weiter, während die Zahl der Opfer steigt. 1993 schätzte eine US-Studie die Todesopfer des Bürgerkriegs auf 1.3 Millionen.
  • Wiederholt wurden Menschenrechtsverletzungen begangen. 1992 verurteilte die UN-Vollversammlung die Menschenrechtsverletzungen im Sudan. 1995 bezichtigte der UN-Sonderberichterstatter die sudanesische Regierung der Zwangsrekrutierung von Kindern, der Folter und der Sklaverei. Im gleichen Jahr sprach Amnesty International von einer Menschenrechtskatastrophe, die sich im Sudan abspiele.
  • Die Folgen des fehlenden inneren Friedens und der politischen Instabilität sind Flüchtlingselend und Hungersnöte. Flüchtlinge, die auf fremde Hilfe angewiesen sind, durchstreifen das Land. Die oben erwähnte US-Studie mutmaßte, daß bis 1993 bereits achtzig Prozent der Südsudanesen vertrieben worden seien und fünf Millionen Sudanesen sich auf der Flucht im eigenen Land befänden. Die sudanesische Ökonomie, insbesondere die Landwirtschaft, kann sich unter den Bürgerkriegsbedingungen nur unzureichend entfalten. In Dürrezeiten wird daher die eigenständige Nahrungsversorgung zu einem großen Problem. Die Hungerkatastrophen, die das Bild des Sudan in den europäischen Medien prägen, sind vor allem auch ein Produkt des Bürgerkriegs.
  • Was sind die tieferen Ursachen der politischen Instabilität im Sudan?

Die Ursachen für die politische Instabilität des Sudan sind vielfältig, aber drei Hauptfaktoren lassen sich herausheben:

(a) Tiefgehende kulturelle Gegensätze und Interessenkonflikte spalten den Sudan. Insbesondere die Kluft zwischen den Stämmen (z.B. Nuer vs. Dinka) und Religionen (Islam vs. Christentum) führten immer wieder zu gefährlichen Spannungen, die sich zu stabilitätsgefährdenden Konflikten auswuchsen.
Der Sudan ist kein historisch gewachsenes Gebilde. Er wurde von England und Ägypten als Kondominion konzipiert, die Grenzziehung von 1899 wurde deshalb ohne Berücksichtigung ethnischer und kultureller Barrieren vorgenommen. Heute leben auf einem Staatsgebiet von 2.5 Millionen Quadratkilometern 15 Millionen Menschen, die sich aufgliedern in ca. 200 verschiedene Stämme, 70 verschiedene Sprachen sprechen, sich zu drei verschiedenen Religionen (Islam, Christentum und Naturreligionen) bekennen. Daß sich ein solch großer, multi-ethnischer und multi-kultureller Raum schwer kontrollieren läßt, ist offensichtlich.

(b) Von 1956 bis heute ist es keiner sudanesischen Zentralgewalt gelungen, dieses enorme Konfliktpotential zu kontrollieren und das Land dauerhaft zu befrieden. Der Staat hat de facto nicht das alleinige Gewaltmonopol, politische Konflikte werden durch Gewaltanwendung geregelt.
Vor der Kondominionszeit (ab 1899) waren die verschiedenen Stämme des Sudangebiets eigenständige politische Einheiten. Dies bedeutete, daß Entscheidungen, die das Leben eines Stammesmitglieds fundamental beeinflußten, von Personen getroffen wurden, die die gleiche Sprache, Religion und Sitten besaß. Mit der Errichtung des britisch-ägyptischen Kondominions wurden die Entscheidungsbefugnisse der regionalen Machthaber der zentralen britischen Kontrolle übertragen. Die Übertragung der Macht auf fremde Herrscher wurde von den Stämmen nicht akzeptiert, weshalb die Briten auch immer wieder den regionalen Machthabern Zugeständnisse machen mußten. Jedoch konnte das britische Empire (sofern es dazu gewillt war) mit seiner militärischen Überlegenheit den Frieden erzwingen. Nachdem der Sudan im Jahre 1956 von England in die Unabhängigkeit entlassen wurde, ist keine der nachfolgenden Zentralgewalten in der Lage gewesen, das Land zu befrieden. Ein symptomatisches Beispiel hierfür ist die Wiederaufnahme des Bürgerkriegs 1983: Die Regierung Numeiri war damals nicht in der Lage, die wiederaufflammenden Kampfhandlungen wirksam einzudämmen.

(c) Externe Interessenkonflikte (westliche Welt vs. islamisch-fundamentalistische Welt) überlagern den innerstaatlichen Konflikt und verstärken ihn.
Der Bombenanschlag der Vereinigten Staaten vom 20. August 1999 auf die 'Chemiewaffenfabrik' in Khartum wirft ein bezeichnendes Licht auf diese Problematik. Die USA verfolgen schon seit längerem einen harten Kurs gegenüber der sudanesischen Regierung. 1997 verhängten sie ein Totalembargo gegen den Sudan wegen Verstrickung in den internationalen Terrorismus. Die sudanesische Regierung soll geschwächt werden, um sie zu einem gemäßigten, prowestlichen Kurs zu zwingen. Deswegen unterstützen Washington und die westlichen Staaten mehr oder weniger offensichtlich die Rebellen. Von Uganda aus wird die Rebellenarmee SPLA aufgerüstet, während auf der anderen Seite die sudanesische Militärregierung Waffenlieferungen aus dem Irak erhält. Die militärischen Kapazitäten beider Bürgerkriegsparteien werden auf diese Weise ständig erneuert.

Der Kampf um Einfluß im Nahen Osten zwischen islamisch-fundamentalistischen und westlichen Interessen wirkt also auf den sudanesischen Bürgerkrieg zurück - zu Lasten der hungerleidenden Bevölkerung.

Tobias Messner